In der Faulheit liegt die Kraft

Geniale Chaoten fallen nicht vom Himmel

Leseprobe

Ich berufe sofort eine Notfall-Konferenz mit Musti, Spike & Mike ein.
„Also, Leute, ich brauche dringend eine gute Idee. Sonst werde ich nächste Woche von Rico und seinen Asi-Freunden geschlachtet.“
Spike fummelt mit der Hand in seinen Dreadlocks herum und sagt auf seine übliche laaaaaangsame Art: „Du glaubst, diese Typen werden dich schlachten, Felix? Vergiss eees. Schlachten geht schnell. Rico aber wird dich ganz laaangsam feeeertig maaachen. Gaaanz laaangsam. Und dann wirst duuu bis nächstes Jahr im Krankenhaus liiiiiiegen. Wenn ich du wäre, würde ich besser auswandern. Nach Timbuktuuuuuu. Oder sooooo.“
„Danke, du bist echt eine große Hilfe, Spike.“
„Geeeeerne“, sagt er und lächelt stolz. Spike ist nicht dumm oder so, aber sein Hirn arbeitet einfach zu langsam, um so etwas wie Ironie zu verstehen.
„Hat noch jemand einen Vorschlag?“, frage ich in die Runde.
„Australien“, sagt Mike.
„Südamerika“, sagt Musti.
Fauch und Doppelfauch! „Ich wollte keine weiteren Vorschläge, wohin ich auswandern könnte! Ich will wissen, wie ich es schaffen kann, hierzubleiben und trotzdem diese Sache mit Rico, Bastian und Dubcek zu überleben.“
„Duuu wirst sie nicht üüüüüüberleben“, sagt Spike mit toternster Miene.
„Er hat recht“, sagt Mike mitleidig.
Musti zuckt mit den Schultern und sagt: „Willssu hierbleiben, yo? Gibs nur eins, Alter. Mussu kämpfen lernen.“
Ich sehe Musti überrascht an. „In einer Woche?! Wie soll das denn gehen?“
„Dann halt doch auswandern, Alter.“

Musti hat recht. Der einzige Weg, hier und am Leben zu bleiben, ist der, dass ich lerne, mich zu verteidigen. Ich habe genau eine Woche Zeit, um ein mega-gefährlicher Fighter zu werden.
Am nächsten Nachmittag treffe ich mich mit Musti, Spike & Mike in der Schulturnhalle zum Sparring.
Allerdings bin ich mir nicht unbedingt sicher, ob sie die Idealbesetzung als Kampfkunstlehrer sind.

Spike kann so gut wie nichts von seiner Umgebung erkennen, weil ihm die Dreadlocks vors Gesicht gewachsen sind. Er sieht aus wie ein Yeti. Außerdem ist er wie gesagt in allem, was er tut laaaaaaaaaaaangsam. Vermutlich könnte er ein ganz guter Taichi-Meister werden. Aber niemals unbewaffnet und trotzdem gefährlich!
Mike ist der sportlichste von uns. Aber Mike ist eher klein und schmal geraten. Ungefähr halb so groß wie ich und ungefähr ein viertel so groß wie Musti. Okay, das ist jetzt übertrieben, aber Tatsache ist, dass die Jungs vom Fightclub ihn einfach wegpusten würden.
Und Musti? Musti ist nicht klein und schmal. Aber er ist einfach zu nett. Er hat keine Lust sich zu prügeln. Wenn er angegriffen würde, könnte er die Typen höchstens mit Schokoriegeln bewerfen. Davon hat er immer Dutzende in den Taschen.

Wir haben uns von Herrn Mattusek, unserem Sportlehrer, Box-Equipment ausgeliehen, also Handschuhe und Kopfschützer. Mit Seilen bauen wir einen Ring. Musti ist mein erster Gegner. Ich tänzel wie ein Boxer um ihn herum, aber er wirft sich einfach auf mich drauf und begräbt mich unter seinem tonnenschweren Dinosaurierkörper.
„Geh von mir runter, ich krieg keine Luft“, röchel ich.
„Tut misch leid, Alter.“
Nachdem ich mich von Mustis Fleischbergen befreit habe, sage ich: „Dein Kampfstil nützt mir nichts, Musti. Um den anzuwenden, müsste ich erst einmal drei Jahre lang zunehmen.“

Dann stehe ich mit Spike im Ring. Er hält offenbar nichts von einer guten Deckung, sondern grinst mich gut gelaunt an.
„Ich haue zu, Spike“, sage ich drohend.
„Maaaaach doooooch“, sagt Spike.
BADABOOM! Ich haue zu – und treffe.
„Oops. Spike? Spi-ike?!“, rufe ich.
Keine Antwort. Er liegt da und rührt sich nicht.

Als Spike zehn Minuten später aus dem Koma erwacht, entschuldige ich mich tausendmal bei ihm. „Tut mir echt leid, Alter. Aber ich dachte, du wehrst dich irgendwie …“
Spike richtet sich benommen auf. Seine Augen kreiseln wie Murmeln in ihren Höhlen. Dann schüttelt er sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Schließlich grinst er und sagt gut gelaunt: „Wow, soooo fühlt es sich das aaaalso aaaaan, wenn man K.O. geht. Ist ja aaaabgefahren. Ich hatte toooootal irre Träume. Loooos, ich will nooooch maaaal! Wer schlägt mich als nächstes niiiiiieder?“
Stöhn und Doppelstöhn. Eins steht fest. Meine Freunde werden keinen Superfighter aus mir machen.

Knapp vorbei ist auch daneben

Hörprobe

Leseprobe

Chaos? Ich bin dabei!

Wir legen also los. Gegen Mitternacht schleichen wir uns so vorsichtig und lautlos wie nur möglich durchs Schultor und auf den Hof. Inzwischen haben wir uns umgezogen und sehen aus wie zwei Ninjas, die gerade
von ihrem japanischen Daimyo-Fürsten damit beauftragt worden sind, den Tenno zu killen: von Kopf bis Fuß in Schwarz und dazu zwei blickdichte Masken. Fehlen eigentlich nur noch die Schwerter auf dem Rücken. Stattdessen haben wir dort jeder einen prall gefüllten Rucksack hängen.

Allerdings sieht Musti nicht wirklich wie ein Ninja aus. Eher wie ein Sumoringer. Also immerhin auch irgendwie japanisch. Aber null gefährlich.
Und genau das könnte zum Problem werden.
Musti ist wie gesagt genauso alt wie ich, nämlich fünfzehn. Aber er wiegt mindestens so viel wie zwei Fünfzehnjährige. Wie viel genau, weiß ich nicht, deshalb flüstere ich ihm zu: »Ey, Musti. Warte mal.«
»Wasnlos, Alter?«, zischt er zurück.
»Wie viel wiegst du?«
»Weiß nicht, Digger. Die Waage geht immer kaputt, wenn ich draufsteige.«
»Jetzt sag.«

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»Fünfzig.«
»Tonnen? Red kein Quatsch. Du wiegst niemals fünfzig.«
»Mal zwei. Oder so.«
»Staun und Doppelstaun! Das darf ja wohl nicht wahr sein! Aber egal, wir müssen den Plan ändern«, flüstere ich.
»Wieso?«
Ich zeige ihm das Seil mit der Ankerkralle. Eigentlich war der Plan, die Kralle zum Dach hochzuschleudern, oben in der Regenrinne einzuhaken und uns daran hochzuziehen.
Dann wollten wir im ersten Stock ein Fenster aufhebeln und dort in einen Klassenraum einsteigen. Aber das wird wohl nichts, wie mir jetzt klar geworden ist. Das Seil kann Mustis Gewicht unmöglich halten. Kein
Seil kann das.
»Yo, Mann, kein Problem«, sagte er gut gelaunt. »Lass uns einfach nach Hause gehen, was essen und Sache vergessen, weissu?!«
»Bekommst du jetzt doch kalte Füße oder was?«
»Nee. Ja. Weiß nicht. Kann sein.«
»Verstehe«, sage ich und grinse. »Also?!«
»Uns wird schon was einfallen, wie wir in die verdammte Schule reinkommen.«
»So kenne ich dich«, sage ich und halte die Hand hoch. Musti grinst und klatscht ab.

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Wir setzen uns auf den Bürgersteig, um uns erst mal zu beraten. Musti zieht aus seinem Rucksack eine Tüte mit Schokoriegeln und fängt sofort an zu mampfen. Dazu schiebt er alle paar Sekunden seine schwarze Maske nach oben, um von dem Riegel abzubeißen. Genialer Gangster,
echt ey. Vermutlich wird er auch noch eine gut sichtbare Spur aus Schokoriegelverpackungen hinter sich lassen, die von der Schule direkt zu seiner Haustür führt. Eigentlich können wir nach der Aktion auch direkt zur Polizei gehen und uns selbst anzeigen. Dann würden wir auf der Stelle verhaftet werden. Aber nicht wegen der Schulaktion, sondern wegen krimineller Blödheit.
»Kannst du nicht EINMAL aufhören zu essen?«, schnauze ich ihn an. Musti hat Appetit wie eine Büffelherde oder ein Heuschreckenschwarm.
Wo er war, ist nur noch Wüste. Das gilt vor allem für kalte Buffetts, Kioske und Supermärkte.

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Arena Verlag